
Er wolle seine Partnerin zurück, sagte der Herr gleich nachdem er sich mir vorgestellt hatte. Sie habe sich von ihm getrennt, weil sie seinen Staubsaugerfetisch nicht mehr ertragen wolle. Es errege ihn aber, wenn sie staubsauge. Und sie fand, sie wolle halt einfach auch mal wieder normalen Sex. Aber: «Sie wusste das doch von Anfang an.» Dann schwieg er. In diesem Satz lag seine ganze Verteidigung. Sie wusste es. Also durfte sie sich nicht daran stören. Sie hatte sich auf ihn eingelassen. Also sollte sie ihn jetzt nicht ändern wollen.
«Ich bin halt so.»
Ist das wirklich wahr? Sind wir "einfach so"? Ist dieser Satz eine Grenze oder eine Ausrede? Offensichtlich ist es manchmal sehr schwierig für uns zu unterscheiden, was zu unserer Identität gehört, was "authentisch" ist und wo es hilfreich und sinnvoll ist, sich zu verändern.
Menschen haben Eigenheiten, Wünsche, Routinen. Manche brauchen viel Rückzug. Andere wollen nicht über Gefühle sprechen. Das muss kein Problem sein. Meist wird es erst eines, wenn aus einer Eigenheit ein Anspruch wird. Wenn Partnerin oder Partner nicht mehr sagen darf: Das ist mir zu viel. Der Mann sprach viel von Akzeptanz. Wie es seiner Partnerin damit ging, war in diesem Moment offensichtlich zweitrangig für ihn. Hier war meiner Ansicht nach gar nicht der Fetisch das Problem, sondern seine Unbeweglichkeit. Aus «Das gehört zu mir» war ein «Damit musst du leben» geworden.
Wir erzählen einander gern, man müsse immer echt sein. Sei du selbst. Verstell dich nicht. Aber nicht alles, was sich echt anfühlt, ist ein unveränderlicher Kern. Vieles fühlt sich echt an, weil wir es lange geübt haben. Weil es einmal geholfen hat. Wer früh lernte, niemandem zur Last zu fallen, erlebt Unabhängigkeit vielleicht als wichtigen Teil seiner Identität. Wer in einer unberechenbaren Familie aufwuchs, erlebt Kontrolle als Sicherheit. Wir sind so geworden, weil wir aus einer Verletzung gelernt haben. Daraus folgt nicht: So muss ich bleiben.
Soll man sich in einer Beziehung verändern? Natürlich soll man das. Die Frage ist: Welche Veränderung macht mich freier? Wächst mein Handlungsspielraum, gewinne ich mehr Möglichkeiten? Dann lohnt sich Veränderung. Wer zum ersten Mal eine Grenze setzt, fühlt sich vielleicht egoistisch. Wer zum ersten Mal abends nicht der Mutter anruft, fühlt sich vielleicht verloren. Aber: «Fühlt sich komisch an» ist kein Beweis, dass man sich verbiegt.
Es gibt übrigens auch das Gegenteil: Manche verändern sich in Beziehungen so lange, bis sie kaum noch wiederzuerkennen sind. Sie sagen nichts mehr, weil es sonst Streit gibt. Lachen leiser. Geben Hobbys auf. Verzichten auf Wünsche. Schränken sich ein. Dann wird das Leben nicht weiter, sondern enger.
Der Mann mit dem Staubsaugerfetisch wollte wissen, wie er seine Partnerin zurückgewinnen kann, ohne sich zu verändern. Sie konnte den Fetisch offenbar lange akzeptieren. Aber sie wollte nicht mehr in einer Beziehung leben, in der ihre Grenze als mangelnde Akzeptanz verstanden wurde. Das ist ein Unterschied.
Liebe braucht Beweglichkeit. Die Bereitschaft, sich selbst nicht bei jeder Zumutung sofort zu verteidigen. Den Mut, zu prüfen, ob ein Verhalten wirklich zu mir gehört oder ob ich mich nur daran festhalte, weil ich nicht weiss, wer ich ohne es wäre.