
„Eigentlich müsste ich mich freuen“, sagt Oliver. Er ist Ende 30, verheiratet und lebt seit einigen Monaten mit seiner Frau in Schottland. Offiziell ist es eine Auszeit, bevor er das Familienunternehmen übernimmt. Inoffiziell würde er lieber ein AirBnB an einer rauen Küste weit im Norden eröffnen.
Das Unternehmen ist ein Weinhandelsbetrieb, mehrere Generationen alt. Es gehörte ursprünglich dem Grossvater mütterlicherseits. Olivers Vater ist in jungen Jahren in die Firma eingestiegen, hat sich hochgearbeitet – und am Ende die Tochter des Chefs geheiratet. Jetzt möchte er sich zurückziehen und das Geschäft den Kindern übergeben. In diesem Unternehmen steckt also die Geschichte von beiden Familienzweigen. Oliver selbst ist mit zehn Jahren zuhause ausgezogengegangen – von sich aust. Er wollte weg und ist nie wirklich zurückgekommen.
Im Coaching beschreibt Oliver sein Leben in der Schweiz und in Schottland mit einer gewissen Distanz zu sich selbst, vor allem auch die Verbindung zum Unternehmen. Er mag die Stadt nicht, in der ddie Firma ansässig ist. Er ist all die Jahre durch den Hintereingang gegangen, hhat sich nie als Teil dieses Unternehmens gefühlt. Gleichzeitig weiss er, was die Übernahme oder ein Ausstieg finanziell bedeuten würde. Und er weiss, dass sein Rückzug etwas im Familiengefüge verschieben würde, das er nicht genau benennen kann.
In einer Systemaufstellung mit Figuren nähern wir uns dem Gefüge. Das Bild ist sehr deutlich. Oliver schaut zum Vater. Der Vater schaut zum Bruder – oder eher über ihn hinweg. Die Mutter schaut aus der Familie heraus, in eine ganz andere Richtung. Alle blicken irgendwohin. Nur Olver blickt direkt auf den Vater. Die Figur für sein Wunschleben steht weit entfernt von allem anderen.
Was sich zeigte, hatte Oliver im Grunde schon gewusst: Er war in seiner Jugend weggegangen, hatte sich selbst aus dem System herausgenommen. Geblieben sind die anderen – mit allem, was das mit brachte. Bis heute empfindet er eine Verantwortung, eine Schuld, Pflicht – und gleichzeitig eine grosse Distanz, die durch diesen Weggang entstanden ist.
Wir kommen auf eine Weiterbildung zu sprechen, die er sich für dieses Auszeit-Jahr vorgenommen, aber bisher nicht in begonnen hat. Die Ausbildung sei wichtig. Er müsse sich halt überwinden, sich selbst einen Tritt in den Arsch verpassen. Immer wieder sagt er das.
Müssen.
Überwinden.
Sich zwingen.
Ich frage ihn, was es brauche, damit er nicht mehr aus Pflicht handeln würde, sondern aus Lust. Damit aus dem Müssen ein Wollen wird.
Da erzählte er von einer Idee, die ihm schon länger vorschwebt: ein eigenes kleines Weinprojekt, das alte regionale Rebsorten wieder aufgreift und neu interpretiert. Wenn er davon spricht, klingt er plötzlich ganz anders. Wacher, lebendiger. Er sagt selbst: Wenn ich mir darüber Gedanken mache, dann sprudeln die Ideen!
Erst vor Kurzem hat Oliver eine Ausstellung über einen Architekten besucht. Besonders beeindruckt haben ihn dessen riesigen Moodboards: ganze Wände voller Skizzen, Materialproben, gesammelten Fundstücken. Keine fertigen Entwürfe. Ideen, die sich erst im Sammeln formen. Ich schlage ihm vor, dasselbe zu tun. Ein eigenes Moodboard für sein Projekt. Nicht am Schreibtisch geplant, sondern unterwegs gesammelt, auf seinen langen Spaziergängen und Angeltouren.
Der Unterschied in seiner Haltung und Ausstrahlung könnte nicht grösser sein. Jetzt sitzt ein Mann vor mir, der pure Energie ausstrahlt. Das Neue fängt schon an zu wirken, Anziehung zu entfalten.
Das ist für mich der eigentliche Kern dieser Arbeit. Die Aufstellung hat gezeigt, woher der innere Widerstand kommt: die alte Rolle, der Blick, der seit Jahren auf den Vater gerichtet ist, ohne Antwort zu bekommen. Aber gelöst hat sich erst etwas, als wir aufgehört haben, an der Pflicht zu arbeiten. Und als Oliver angefangen hat, eine Vision zu entwickeln, die ihn in eine spannende – in seine eigene – Zukunft zieht, die Sehnsucht entfacht.
Man kann sich nicht dauerhaft in eine fremde Zukunft zwingen. Aber man kann anfangen, sich eine Zukunft zu sammeln, die einen ruft.