Entwicklung & Perspektiven

Systemische Aufstellung und Transformatives Atmen: Das Mädchen mit dem Sternenkleid

11.08.2026

Ein Fallbeispiel über Anerkennung, Leistung und erwachsene Selbstführung

Anna* sucht sich eine Figur aus, die gleich in einer systemischen Aufstellung für sie selbst stehen wird: ein kleines Playmobil-Mädchen im Sternen-Glitzerkleid mit goldenen Schuhen. Intuitiv stellt sie das Mädchen ganz nach vorne auf den Tisch, wie ein Zugpferd. Dahinter, im Schlepptau, alle anderen Elemente: die Lebensfreude, die Kontrolle, die Angst, das Vertrauen und der Glaube. Das Mädchen zieht, der Rest folgt.


Anna, Anfang vierzig, ist erfolgreich in ihrem Job. Standortleitung, grosse Kund:innen, Verantwortung, ein gutes Gehalt. Darunter schlummert seit Jahren eine andere Sehnsucht: etwas im spirituellen Bereich aufzubauen, Kurse, Reisen, vielleicht irgendwann ein eigenes Retreat-Center. Sie hat einmal gekündigt, um dem nachzugehen. Es folgten Monate ohne festen Job, dann wieder einer, dann wieder nicht. Als sie sich für ihre aktuelle Stelle bewarb, bekam sie Panikattacken, nahm den Job aber trotzdem an. Stabilität war ihr in diesem Moment wichtiger. Die Sehnsucht bleibt.

Für den Coaching-Tag hatten mein Partner George und ich uns viel Zeit für Anna genommen: eine Aufstellung am Vormittag, transformative Atemarbeit am Nachmittag, Integration am Abend. Annas eigene Frage vorab: wie sie ihr volles Potenzial entfalten könne, was sie daran hindere. Eine gute Frage. Nur nicht ganz die richtige, wie sich zeigen sollte.

Der Tag

Bevor es losging, hatte Anna sich eine ganze Armada von kleinen Sicherheitsankern gebaut: Räucherstäbchen, Kerzen, Zettel mit Motivationssätzen wie «Du bist genug, so wie du bist», Tücher, dazu beruhigende Musik. Alles griffbereit, für den Fall, dass das Atmen zu viel werden könnte.

Nach der Breathwork-Session lag Anna auf dem Boden, ganz entspannt, und sagte: «Ich löse mich jetzt kurz mal hier im Boden auf.» Kurz danach, ein halb geöffnetes Auge: «Mach ich das eigentlich richtig?» Selbst im tiefsten Loslassen meldete sich noch die Stimme, die eine Bestätigung von aussen braucht. Die Antwort war einfach: «Du machst es genau so, wie es für dich richtig ist.» Kurz danach, aus derselben Tiefe, antwortete Anna auf die Frage «Was brauchst du gerade?» – «Ich brauch gar nichts. Ich hab von allem schon viel zu viel.»

Später, zurück bei der Aufstellung, nahm sie den stacheligen Ball, der ihre Angst repräsentierte, und warf ihn weit in den Garten. «Dich brauche ich jetzt nicht mehr.» Die Sonnencreme, Symbol für Kontrolle, legte sie hin, warf sie aber nicht weg. «Die kann ich wieder aufstellen, wenn nötig – dann dient sie mir als Schutz.» Nichts wurde an diesem Tag bekämpft. Was nicht mehr gebraucht wurde, durfte gehen. Was vielleicht noch nützlich sein könnte, blieb in Reichweite.

Irgendwann stiess jemand an den Tisch und die kleine Mädchenfigur fiel um. Anna stellte beeindruckt fest: «Jetzt hat's mich aber so richtig umgehauen!» Wir fragten sie, wieso sie sich eigentlich als Mädchen aufgestellt hatte, auf so schmalen goldenen Schuhen. Ihre Antwort kam sofort: «Da weiss ich, dass man mich gern hat.»

Später, bei einem Kärtchen mit den Worten «entfalte dein höchstes Potenzial», fragten wir, wieso es eigentlich immer Superlative sein müssten. Wieso nicht einfach: sie selbst sein, dort, wo sie möchte, wo es ihr gut geht? Ihre Antwort war der eigentliche Kern des Tages: «Aber dann weiss ich ja gar nicht, ob man mich noch lieb hat.»

Zwei Strategien, dieselbe Angst dahinter. Klein und niedlich sein. Oder aussergewöhnlich und unentbehrlich sein. Beides, damit die Liebe sicher ist. Anna selbst, ohne Verzierung, war vielleicht nicht genug.

Wie könnte denn eine erwachsene Form von ihr selbst aussehen? Nach kurzem Überlegen nahm sie ihre Gebetskette vom Hals, rollte sie zusammen und legte sie in die Aufstellung, als neues, erwachsenes Symbol für sich selbst. Das Mädchen im Sternenkleid stellte sie direkt daneben. «Die darf bleiben. Als Cheerleaderin, immer dann, wenn's besonders viel Spass macht.»

Die Angst durfte gehen. Die Kontrolle wurde zum Schutz und blieb in Reichweite, für den Notfall. Das Mädchen wurde entlastet und bekam eine passende Rolle. Auch die Reihenfolge änderte sich: nicht mehr das Kind stand an der Spitze und musste den Karren ziehen. Eine erwachsene Anna, gebaut aus genau dem spirituellen Geist, den sie all die Jahre für unvereinbar mit ihrem echten Leben gehalten hatte, wurde zur neuen Führungskraft.

Was seither passiert ist

In der Woche danach hat Anna ihre Wohnung so richtig ausgemistet. Vieles, was sich über Jahre angesammelt hatte, war intuitiv unnötig geworden. «Alles ist zu viel» ist tatsächlich und ohne Effort in ihrem Alltag angekommen. Und interessanterweise auch bei mir. Ohne mit Anna darüber gesprochen zu haben, sortierte ich in den Tagen nach ihrer Atemreise meinen Kleiderschrank komplett neu und entrümpelte kräftig. Das passiert einem, wenn man solche Prozesse begleiten darf.

In den Wochen danach sprachen mehrere Menschen Anna auf ihr verändertes, gutes Aussehen an. Ein innerer Glow, sagten sie, ohne benennen zu können, was genau anders war.


Mein Partner und ich sitzen an solchen Coaching-Tagen daneben, hören zu, staunen und geben Impulse: wenn wir eine Frage haben, wenn wir Entlastung anbieten wollen, wenn ein Gedanke eng wird und mehr Raum brauchen könnte, wenn wir eine Behauptung hinterfragen. Annas Transformationsarbeit an diesem Tag war nicht unser Werk – wir haben einfach den Raum und unsere Inputs zur Verfügung gestellt.


*Name und persönliche Einzelheiten wurden zum Schutz der Klientin verändert. Die Veröffentlichung erfolgt mit ihrem Einverständnis.

Berufliche Neuorientierung
Arbeitsblätter “Gedanken sortieren in 7 Schritten”

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