
Manche Menschen kommen mit einer erstaunlich genauen Analyse ins Coaching. Sie kennen ihre Muster und wissen, warum sie immer wieder in dieselben Konflikte geraten. Sie können ihre Kindheit einordnen und erklären, weshalb sie heute so reagieren. Nach ein paar Sitzungen liegt das Thema glasklar auf dem Tisch. Aber im Alltag ändert sich trotzdem fast nichts.
Diese Erfahrung hat mich vor einigen Jahren zurück zu einer Methode geführt, der ich schon in meiner Ausbildung zur systemischen Beraterin begegnet war: dem holotropen Atmen. Heute arbeite ich mit einer eigenen Form transformativer Atemarbeit – aus verschiedenen Breathwork-Ansätzen zusammengestellt, kombiniert mit systemischem Coaching.
Die Methode eignet sich nicht für jede Person und nicht für jedes Thema. Aber sie hilft, wenn der Kopf schon verstanden hat, worum es geht und irgendwas trotzdem noch an alten Mustern und Glaubenssätzen festhält.
Als ich Atemarbeit 2010 selbst erlebte, war ich vollkommen überrascht, was da alles an die Oberfläche kam – Dinge, die ich jahrelang unbewusst weggedrückt hatte. Während des Atmens dachte ich zwar nicht: Jetzt verändert sich etwas. Ich war einfach in meinem Erleben. Erst danach verstand ich, dass ich an ein Thema gerührt hatte, das ganz tief vergraben lag. Es fühlte sich an, als wären Puzzleteile endlich an den richtigen Platz gefallen.
Holotropes Atmen wurde in den 1970er-Jahren von Psychiater Stanislav Grof und seiner Frau Christina entwickelt. Grof hatte zuvor sehr erfolgreich mit LSD in der Psychotherapie geforscht und gearbeitet. Als LSD in vielen Ländern verboten wurde, stellte sich die Frage: Wie lässt sich ein ähnlicher Bewusstseinszustand auch ohne psychoaktive Substanz erreichen? Die Antwort war eine bestimmte Form des Atmens, begleitet von Musik und einem bewusst gestalteten Setting.
Holotropes Atmen ist eine Form von Breathwork, wie zum Beispiel auch Conscious Connected Breathing. Beide unterscheiden sich im Ablauf und in der Theorie. Gemeinsam ist ihnen die hyperventilierende Atmung, die das Erleben verändert.
Meine Herangehensweise kombiniert transformative Atemarbeit, systemische Aufstellung und sorgfältige Integration.
Lange bevor wir mit dem hyperventilierenden Atmen beginnen, klären wir, ob die Methode überhaupt passt. Es gibt medizinische und psychische Kontraindikationen – von Herz-Kreislauf-Erkrankungen über Schwangerschaft bis zu bestimmten psychiatrischen Diagnosen. Wir sprechen über die Intention, über den Ablauf, über die Tage davor: genug Schlaf, kein Alkohol, wenig Hektik.
Am Tag der Atemreise beginnen wir mit einer systemischen Aufstellungsarbeit. Erst danach kommt das kontrollierte Hyperventilieren, eventuell kombiniert mit bestimmten Körperbewegungen. Dieser Teil ist anstrengend: Man atmet über eine längere Zeitspanne schnell und ohne Pausen. Nicht wie im Yoga oder in der Meditation.
Den Zustand während des Atmens und eine Zeit lang danach beschreiben viele als ungewöhnlich. Gefühle werden unmittelbarer und Erinnerungen tauchen auf. Manche sehen innere Bilder, andere spüren ihren Körper deutlicher oder erkennen überraschende Zusammenhänge.
Der Fachbegriff dafür heisst «veränderter Bewusstseinszustand». Für viele ist die Erfahrung intensiv, manchmal überwältigend. Und doch bleiben die meisten die ganze Zeit ansprechbar. Was sich am stärksten verändert, ist die Art, sich selbst wahrzunehmen – hinzuschauen und hinzufühlen.
In den letzten Jahren wurde viel zu Breathwork geforscht. Eine Metaanalyse randomisierter Studien belegte 2023, dass Atemarbeit Stress, Angst und depressive Symptome messbar senkt. Eine kleine dänische Studie zu holotropem Atmen beobachtete nach mehreren Sitzungen Veränderungen in Selbstwahrnehmung und Persönlichkeit. Und 2025 wies eine Gruppe der University of Sussex nach, dass intensive Atmung mit Musik psychedelisch anmutende Zustände auslösen kann – messbar an veränderter Hirndurchblutung in emotionsverarbeitenden Regionen.
Ob dahinter dieselben neurobiologischen Prozesse stehen wie bei LSD oder Psilocybin, die nachweislich die Neuroplastizität fördern, ist wissenschaftlich offen. In der Praxis sehe ich, dass Menschen sich von Mustern lösen, die vorher unverrückbar schienen.
Unsere Gedanken nehmen am liebsten die Trampelpfade, die sie sich über Jahrzehnte selbst angelegt haben. Sie geben Sicherheit, auch wenn sie schon lange nicht mehr hilfreich sind. So spielen manche noch mit 40 den Klassenclown, um sich beliebt zu machen, obwohl sie wissen, dass sie dann nicht ernst genommen werden. Oder ihr Denken führt sie in die immer gleichen depressiven Schlaufen, ohne dass sie etwas dagegen tun können. Im systemischen Coaching arbeiten wir daran, diese alten Wege zu verlassen und die Perspektive zu wechseln. Die Atemarbeit geht an derselben Stelle noch eine Schicht tiefer.
Während einer Session betrachten Menschen ihre Situation freier. Sie bewerten weniger, kontrollieren weniger, interessieren sich auf unbefangene, neugierige Art für belastende Aspekte ihres Lebens und finden oft erstaunliche Lösungen. Die Kombination aus Aufstellung und Atemarbeit beschleunigt den Prozess, und die Klient:innen schauen ehrlicher hin.
Eine Klientin meinte:
«Das meiste, was wir heute angeschaut haben, wusste ich schon. Aber wirklich gefühlt habe ich vieles zum allerersten Mal.»
Ich habe Menschen erlebt, die mit dem Rauchen aufhörten, nachdem sie es jahrelang vergeblich versucht hatten. Eine Frau, die nach dem Suizid ihres Partners lange gelitten hatte und nach der Atemreise sagte, sie könne seinen Tod nun annehmen und sich ihm endlich wieder verbunden fühlen. Jemanden, der eine berufliche Idee anpackte, von der er seit Jahren träumte. Und jemanden, der kurz vor der Trennung stand und nach der Session sagte: Nein, diese Beziehung ist gut für mich. Ich bleibe.
Die Veränderungen sehen jedes Mal anders aus. Das Verbindende ist: Die Menschen kommen in Bewegung. Nicht sofort, nicht immer spektakulär. Aber mit einer Leichtigkeit, die mich bis heute beeindruckt. Danach braucht es weniger Disziplin und weniger Vorsätze. Die Gedanken und Gefühle während der Session machen die Veränderung einfach.
Transformative Atemarbeit verlangt die Bereitschaft, sich auf Gefühle und vielleicht auf unangenehme Themen einzulassen. Wer eine Technik sucht, um ein Problem schnell abzuhaken, wird damit wenig anfangen können.
Am meisten bringt sie Menschen, die bewusst an sich arbeiten und einen grösseren Entwicklungsschritt gehen wollen.
Meine Variante von transformativer Atemarbeit zaubert nicht das Problem weg, aber sie verankert in der Regel neue Möglichkeiten, mit einem Problem konstruktiv umzugehen.